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Der erste Eisenbahntunnel Württembergs


Rosenstein-Brücke
Schloss Rosenstein mit Centralbahn-Tunnel (gebaut 1846) Zeichnung - auf Ansichtskarte von 1910 *Lithographie nach einer Zeichnung von Christian Friedrich Leins, um 1850

Alter Rosensteintunnel
Der erste Eisenbahntunnel Württembergs

Licht am Anfang des Tunnels

Michael Petersen, veröffentlicht am 15.09.2010 in der Stuttgarter Zeitung


Stuttgart - Württembergs erster Eisenbahntunnel, wo soll denn der bitte sein? Selbst unter manchen Eisenbahnfreunden macht sich bei dieser Frage Ratlosigkeit breit. Von innen besichtigt hat diesen Tunnel bisher kaum einer. Dabei waren ihm ganz viele Menschen schon ganz nahe. Wer in Stuttgart die Wilhelma besucht und die paar Schritte hinauf zu Schloss Rosenstein zurücklegt, der lässt das Cannstatter Portal dieses Tunnels um kaum hundert Meter links liegen. Bäume und Büsche verdecken freilich die Sicht auf den stattlichen Eingang dieses seit 1985 als Kulturdenkmal eingestuften Bauwerks. Durch den Tunnel rollten nach 1846 die Dampfzüge auf zwei Schienensträngen von Stuttgart aus und über eine Neckarbrücke direkt in den Cannstatter Bahnhof. Doch bereits 1914 war Schluss. Der vierspurige und noch heute genutzte Rosensteintunnel unter dem Rosengarten machte das alte Bauwerk überflüssig.

Portal
Tunneleingang - Fotos: Enslin

 

"Genau über uns ist Schloss Rosenstein", sagt Hermann Gökeler. Mit seiner starken Taschenlampe leuchtet er hinauf an die Decke. Sie ist an dieser Stelle besonders feucht. Tropfsteine wachsen. Gökeler erzählt von den Bauarbeiten der Jahre 1844 bis 1846. Wasserbassins des zwischen 1822 bis 1830 erbauten Schlosses waren undicht. Das führte gut zehn Meter tiefer zu einem Wasser- und Schlammeinbruch. "Verletzt wurde niemand", weiß Gökeler. Kritiker hatten eine Schädigung des Schlosses von König Wilhelm I. befürchtet. Es blieb unversehrt. Der schnurgerade Tunnel deckt sich mit der Mittelachse des Schlosses. Dort ist seit 1954 das Museum Schloss Rosenstein untergebracht. Im Tunnel sind Ausbuchtungen zu sehen. Gökeler erklärt: "Da sind die Streckenläufer untergestanden, wenn Züge kamen". Diese Männer gingen die Gleise entlang und klopften mit Hämmern an bodenlangen Stielen auf die Schienen. Je nach Tonlage der Schläge erkannten sie sofort, ob sich Risse gebildet oder Schrauben gelockert hatten. Ein Schraubenschlüssel mit riesiger Maulweite hing immer an ihrem Gürtel.

 

Mit etwas Fantasie lässt sich vorstellen, wie die Männer im Dampf und Ruß der Lokomotiven zur Seite traten. Die Sicht wird diffus gewesen sein, denn Abzüge hat der etwas über 300 Meter lange, sieben Meter breite und gut sechs Meter hohe Tunnel nicht. Von einer brauchbaren Signaltechnik konnte in jenen Gründerzeiten der Eisenbahn keine Rede sein. Deswegen regelte ein Tunnelwart die Einfahrt der Züge. Er hatte seinen Platz in einem Unterstand in der Nähe des Tunneleingangs. Die Grundmauern sind noch zu erkennen. Tagsüber hat er eine Flagge, nachts eine Petroleumlampe geschwenkt: Weiß für freie Fahrt, Rot für Halt. Die Scheinwerfer der Loks haben nicht weit geleuchtet. Gökeler zeigt es vor Ort - eine Laterne in Bewegung lässt sich über Hunderte Meter weit erkennen.

Bild

 

Viele verschiedene Nutzer seit der Schließung

Der Tunnel ist 1992 von der Deutschen Bahn in den Besitz des Landes Baden-Württemberg übergegangen. Zuständig ist der Landesbetrieb Vermögen und Bau. Dort hat sich viel Material angesammelt über die Historie des alten Rosensteintunnels. Klar ist aber auch, dass viele Fragen offen sind. Zum Beispiel die, ob während des Krieges tief im Berg Rüstungsgüter hergestellt wurden. Die Schienen fehlen längst. Der betonierte Boden und Zwischenwände deuten aber auf eine gut vorbereitete Verwendung hin.

Die Firma Mahle hatte bis 1946 einen Mietvertrag über eine Nutzung des Tunnels abgeschlossen. Als der beendet wurde, sollte das Unternehmen den Tunnel offenbar in seinen ursprünglichen Zustand zurück versetzen. Wie gründlich ist das geschehen? Während des Krieges diente der Tunnel der Reichsbahn und dem Bahnpostamt als Luftschutzbunker. Aufs Schloss und in den Park fielen viele Bomben. Direkt am Nordrand des Geländes an der Parkstraße lagen Rüstungsbetriebe, die getroffen werden sollten. Der 1936 geborene Hermann Gökeler stammt aus dem Eisenbahnerdörfle. Dort im Nordbahnhofsviertel wohnten viele Eisenbahnbedienstete. "Direkt nach dem Krieg haben wir Kinder im Rosensteinpark in den Bombenkratern gespielt", erinnert er sich. Was wurde gespielt? "Krieg natürlich, wir kannten ja nichts anderes". Der Krieg war diesen Kindern präsent, die Eisenbahn aber auch. "Schließlich war der Hauptbahnhof während des Krieges nur drei Tage geschlossen", weiß Gökeler.


Tropfstein Tropfstein

 

Der Eisenbahnenthusiast kannte das Gelände bestens, und auch den alten Tunnel, der erst 1966 zugemauert wurde. Als Rentner wollte er herausfinden, wie es um das Bauwerk steht. Inzwischen hat er einen steten Zugang: "Ich habe ein bissle aufgeräumt und den Drainagekanal mit Bändern gesichert", berichtet er. Offizielle Führungen gab es nie. Nun will er Lesern der Stuttgarter Zeitung in Zusammenarbeit mit dem Landesbetrieb Vermögen und Bau die eiserne Pforte öffnen.
Aufzuräumen gab es vieles. Da sind Spuren der Champignonzucht. Zwischen 1931 und 1965 ließen drei Pächter in dieser dunklen Röhre Pilze sprießen. Müll stammt von ungebetenen Tunnelbewohnern. Die Tür ist mehrfach aufgebrochen worden. Leere Dosen, Pizzaschachteln, Safttüten, Flaschen und billige Lektüre blieben ebenso zurück wie Kerzen und ein Wandgemälde.Gökeler


Gruppenanmeldungen für andere Tage sind unter der 0171/8053610 bei Hermann Gökeler möglich.

 

 

 

 

 

 

 

 


Ausrüstung

Der Boden des Tunnels ist uneben und teilweise feucht. Festes Schuhwerk wird empfohlen. Dringend geboten in dem unbeleuchteten Tunnel ist eine Taschenlampe. Das Begehen erfolgt auf eigene Gefahr.

 

Leser-Aktion im Rosensteinpark

 

Viel los im verlassenen Tunnel

Michael Petersen, veröffentlicht STZ am 20.09.2010


Stuttgart - "Mein erstes Ziel ist, den Tunnel so herzurichten, dass Führungen möglich sind, das haben wir jetzt erreicht", erklärt Hermann Gökeler vor dem Portal des alten Rosensteintunnels. "Mein zweites Ziel ist es, möglich zu machen, dass dieses von dem großen Stuttgarter Architekten Christian Friedrich von Leins entworfene Portal saniert wird." Gärtner der Wilhelma haben Gelände wie Portal von Ästen und Zweigen befreit. Nun liegt der Eingang wieder im Blickfeld der Betrachter. Am Sonntag hat der Eisenbahnenthusiast Gökeler gut 150 Lesern der Stuttgarter Zeitung noch weit mehr geboten, nämlich eine Führung mitten hinein in das 1846 fertiggestellte Bauwerk. Aber was bewegte so viele Menschen, sich an einem schönen Herbstsonntag in einen finsteren Tunnel zu begeben? Die Antwort ist ganz einfach: Hermann Gökeler bettet diesen Tunnel in ausführlichen Erklärungen in die damalige Zeit ein. So ist gar nicht viel Fantasie gefragt, um zu erkennen, welche Bedeutung diese Röhre für das Stuttgart um 1850 hatte. Keiner der Zuhörer hat sich vor Gökelers letzten Worten in den Rosensteinpark zurückgezogen.

Ältester Eisenbahntunnel Württembergs

Bei dem Objekt handelt es sich um den ältesten Eisenbahntunnel Württembergs. Im Herbst 1846 rollte durch dieses 310 Meter lange Bauwerk der erste Zug in den alten Stuttgarter Hauptbahnhof. Hermann Gökeler spricht von einem "einmaligen Ensemble", das in Stuttgarts Norden binnen einer Epoche entstanden sei. Dabei bezieht er sich nicht nur auf die Bahn, sondern erzählt von dem Rosensteinpark, für den 500 Grundstückskäufe notwendig waren und 75.000 Kubikmeter Erde bewegt wurden. Er berichtet von dem 1830 eingeweihten Schloss Rosenstein. "Hier, genau unter den beiden Löwen am Eingangsportal, verläuft der alte Tunnel." Er klärt auf, dass der nahe, heute noch genutzte Rosensteintunnel in offener Bauweise entstand. Als der seine Decke erhielt, ist der Rosengarten entstanden. "Und somit ist dieser Garten viel jünger als der restliche Park", sagt er.

In den alten Tunnel führte von Cannstatt aus zunächst eine Holzbrücke, die später durch eine Eisenkonstruktion ersetzt wurde. 1914 wurde der Tunnel durch die neue Verbindung ersetzt. Ob die Brücke im Zuge der Neckarbegradigung um 1925 herum abgebaut wurde, darüber unterhielten sich Teilnehmer der Führung. Erst vor kurzem erfuhr Gökeler, dass der Tunneleingang während des Krieges von drei versetzten Wänden abgeschottet wurde. Das sollte den heftigen Luftdruck der Fliegerbomben von diesem als Luftschutzbunker genutzten Tunnel fern halten. Vieles gilt es noch herauszufinden über das Bauwerk, für das seit 1992 das Land Baden-Württemberg verantwortlich ist.

 

Wachsende Tropfsteine und lichtscheue Gestalten


Im Tunnel selbst fotografierten die Besucher wachsende Tropfsteine. An der immer noch Vertrauen erweckenden Tunneldecke waren diese Kalkbildungen im Schein der vielen Taschenlampen in beeindruckenden Farbschattierungen zu erkennen. "Sauerei!" rief dagegen eine Besucherin aus, als sie sah, wie viele Flaschen, leere Dosen, Pizzaschachteln oder sogar Schlafsäcke ungebetene Gäste hinterlassen haben. In den vergangenen Jahrzehnten hatten augenscheinlich lichtscheue Gestalten das Schloss zum Tunnel einige Male aufgebrochen.

Hermann Gökeler ist im Eisenbahnerdörfle nahe des Rosensteinparks aufgewachsen. Zum Abenteuerspielplatz dieser Kriegskinder gehörte auch der alte Rosensteintunnel. Und seit einem Jahr hat der 1936 geborene Stuttgarter viel Zeit, sich um dieses Bauwerk zu kümmern.
Tropfstein  Tropfstein

 

WEBLINKS

* WIKIPEDIA - http://de.wikipedia.org/wiki/Rosensteintunnel

* http://www.drehscheibe-foren.de/foren/read.php?17,3815442
Der alte Rosensteintunnel in Stuttgart am 11.4.1952

* Gablenberger-Klaus-Blog - http://www.gablenberger-klaus.de/2011/04/01/
wuerttembergs-erste-eisenbahntunnel-das-rosensteintunnel-1846-1914/